02.03.2023

Online-Diskussion: Ein Jahr Krieg - Warum schwindet unsere Solidarität mit der Ukraine?

Am Vorabend des Jahrestages des russischen Einmarsches in die Ukraine diskutierten eine Soziologin, ein Meinungsforscher, ein sozioökonomischer Analyst der Gewerkschaften sowie ein Politikwissenschaftler und Historiker mit der Präsidentin von Proforum B. Schmögnerová über die Einstellungsentwicklung der slowakischen Öffentlichkeit gegenüber unserer Hilfe für die Ukraine.

 

Wie von B. Schmögnerová zu Beginn der Diskussion feststellte, kann angesichts der Tatsache, dass der Krieg in der Ukraine nach allen Analysen nicht von kurzer Dauer sein wird und daher sicherlich zum Thema wird, auch das Thema unserer Hilfe für die Ukraine und ihre Bürger:innen könnten in diesem Kampf missbraucht werden. Aus diesem Grund ist es auch notwendig, über die Faktoren zu sprechen, die die Schwächung der Unterstützung und Solidarität in der slowakischen Öffentlichkeit verursachen, und zu versuchen, sie zu beseitigen. In diesem Sinne wies B. Schmögnerová auf auf die sozialpsychologische Tatsache hin, dass gerade in einer Situation, in der sich ein Mensch bedroht und unsicher fühlt, beginnt er oder sie zu vergleichen, wer mehr Hilfe braucht und es führt zum Konflikt bei Verteilung knapper Ressourcen und damit auch der Leistungen des Wohlfahrtsstaates - sei es bezahlbarer Wohnraum, ein Kindergartenplatz und ähnliches.

Der Politikwissenschaftler und Historiker J. Marušiak wies darauf hin, dass der anfängliche Schock des militärischen Angriffs die slowakische Gesellschaft zwar geeint hat, sie aber heute stärker gespalten ist als in den Tagen des Mečiarismus. Der Krieg ist zum Gegenstand eines heftigen innenpolitischen Kampfes geworden, der freundschaftliche und oft sogar familiäre Beziehungen spaltet oder sogar verzerrt, wodurch sich auch die slowakische Gesellschaft in einem des kalten Bürgerkriegs befindet.

J. Tuček von der tschechischen Forschungsagentur STEM/MARK präsentierte die Ergebnisse wiederholter Messungen der Unterstützung der Hilfe für die Ukraine in den V4-Ländern im Jahr 2022, wobei die Einstellung der tschechischen und slowakischen Öffentlichkeit oft eine gemeinsame Tendenz aufwies, aber wenn es um die Frage der Unterstützung für Waffenlieferungen an die Ukraine ging, war die Unterstützung in der Slowakei nur halb so stark (nur 12 % der Öffentlichkeit ) wie in Tschechien (25 %), was ebenfalls eine sehr schwache Unterstützung darstellt.

Die Soziologin Silvia Porubänová betonte, dass die Solidarität mit den Schwächeren, in diesem Fall dem angegriffenen Volk, eine natürliche Haltung einer zivilisierten Gesellschaft sein sollte, die auf humanistischen Grundlagen aufgebaut ist, und deshalb ist es völlig falsch, die Hilfe für Menschen auf der Flucht gegen die Unterstützung der Menschen in der Slowakei auszuspielen. Im Gegenteil die Frage und unsere Aufgabe sollte sein, wie wir die Flüchtlinge am besten in die Gesellschaft integrieren können, um ihnen zu helfen, aber auch wegen der Vorteile einer solchen Integration für die Slowakei und ihre Wirtschaft. Diese Tatsache, der Beitrag des Zustroms von Flüchtlingen für den slowakischen Arbeitsmarkt und die Wirtschaft, wurde auch durch die neuesten Daten zur Entwicklung des Arbeitsmarktes bit.ly/3YcqaAH, sowie durch Analysten des Instituts für Finanzpolitik des Finanzministeriums der Slowakischen Republik bestätigt.

Laut Ján Košč von OZ KOVO und OZ Pracujúca chudoba haben der Ansturm und das Problem der Integration von Flüchtlingen aus der Ukraine nur die Probleme in der Sozialpolitik und der Politik des öffentlichen Dienstes bekräftigt und aufgezeigt, diese kritisieren wir seit langem - sei es der Mangel an Plätzen in Vorschuleinrichtungen, an bezahlbarem Wohnraum, aber auch auf dem Schwarzarbeitsmarkt etc. Die Ukrainer und Ukrainerinnen sind sicherlich nicht schuld an diesen Problemen, sie sind nur Opfer der aktuellen Situation geworden.


Die ganze Aufzeichnung der Online-Diskussion können Sie auf dem Youtube-Kanal: bit.ly/3kAUBmy, oder auf Facebook ansehen: bit.ly/3mmSva7
 

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